Heute
vor sieben Jahren entkam Natascha Kampusch ihrem Entführer Wolfgang Priklopil.
Zu diesem Anlass möchte ich aufzeigen, was mir schon lange aufgefallen ist:
Michael Jackson und Kampusch haben eine ähnliche Leidensgeschichte.
Voyeuristische
Neugier, Schock und Mitleid fesselten die Menschen 2006 an den Fall Natascha
Kampusch. Im Buch „3096 Tage“ schildert die Wienerin, wie mühsam nach ihrer
Befreiung die Rückkehr ins richtige Leben war. Enttäuscht äussert sie sich über
Medien und Öffentlichkeit. Selbst das, was sie vor dem Täter noch verbergen
konnte, wurde publik gemacht. Es entstanden Unwahrheiten, gegen die Kampusch mit
dem Schritt an die Öffentlichkeit ankämpfen wollte.
Das
Entführungsopfer tritt gefasst und würdevoll auf. Es spricht überlegt, manchmal
blasiert. Das Opfer verhält sich nicht so, wie es die Gesellschaft erwartet.
„Man
liebt das Opfer nur, wenn man sich ihm überlegen fühlen kann“, sagt Kampusch in
ihrem Buch. Die Öffentlichkeit habe in ihr einen gebrochenen Menschen sehen
wollen, der immer auf die Hilfe anderer angewiesen sein werde. „Doch in dem
Moment, in dem ich mich weigerte, dieses Kainsmal für den Rest meines Lebens zu
tragen, kippte die Stimmung.“ Das Mitleid der Leute schlug in Unverständnis,
Missgunst und Neid um.
Der
deutsche Psychotherapeut Georg Pieper stellt in der ARD-Talk-Sendung von
Günther Jauch fest, dass die Öffentlichkeit Opfer als Leidende sehen wolle.
„Man kann sich gut fühlen, wenn man jemanden bemitleidet“, sagt er. Eine starke
Person wie Kampusch erzeuge Unbehagen.
Die
Österreicher, die verschiedene
Wahrheiten über die Entführung zu Ohren bekommen haben, mögen das
Verständnis für Kampusch verloren haben. Dennoch löste die Ankündigung des
Films „3065 Tage“ über Kampuschs Martyrium auch in Schweizer und deutschen
Foren heftige Diskussionen aus.
Kampusch
dränge sich in die Öffentlichkeit, hiess es. Einige Leute fanden, dass man mit
einer solchen Vergangenheit nicht an die Öffentlichkeit trete. Jemand warf
Kampusch vor, berechnend zu sein, ihre Opferrolle perfekt zu spielen und sich
die Gefangenschaft zusammengereimt zu haben, um reich zu werden. „Noch nie habe
ich ihr nur ein einziges Wort geglaubt“, schrieb ein User. Ein anderer zog
einen Vergleich zum Fall Josef Fritzl und bezeichnete dieses Verbrechen als
„viel schlimmer“.
Grausam
sind beide Fälle. Entführungsopfer Elisabeth Fritzl geniesst aber mehr Empathie.
Nach ihrer Befreiung verkroch sie sich und nahm eine neue Identität an. Sie
entspricht dem typischen Opferbild. An ihrer Vergangenheit zweifelt niemand.
Kämpft
sich ein Opfer aus der Opferrolle, wirkt es mit seiner Vergangenheit offenbar
unglaubwürdig. Ein Leser-Kommentar bringt es auf den Punkt: „Wäre Kampusch das
typische Opfer, würden die Leute alles über sie lesen wollen.“
Sicher
wahr und grauenhaft ist die vermeintliche Wahrheit für die Menschen nur, wenn andere
sie erzählen. Popstar Michael Jackson, der bis zu seinem Tod unter medialer
Verunglimpfung litt, sagte einem Reporter einst: „Warum sagt man den Leuten
nicht, ich sei ein Außerirdischer vom Mars. Sag ihnen, dass ich lebende Hühner
esse und einen Voodoo-Tanz um Mitternacht mache. Sie werden dir alles
glauben, weil du ein Reporter bist. Aber wenn ich, Michael Jackson, sagen sollte,
ich sei ein Außerirdischer vom Mars, ich esse lebende Hühner und mache einen Voodoo-Tanz
um Mitternacht, würden die Leute sagen: ‚Oh man, dieser Michael Jackson ist
verrückt. Der ist auf Drogen. Du kannst kein verdammtes Wort glauben, das aus
seinem Mund kommt.‘“
Jackson
fehlte die Kraft und die Lebenszeit, mit seiner Wahrheit gegen die Gerüchte
anzukämpfen. Die Menschen verstanden seine Eigenart nicht. Er blieb ein Opfer
unserer Gesellschaft. Auch Kampusch ist eigenartig. Sie kämpft gegen ihre Rolle
als Entführungsopfer und lässt nicht zu, dass die Menschen den Kopf vom
Schrecklichen wegdrehen und sich den schrecklich unterhaltsamen Gerüchten
zuwenden. Kampusch erzählt ihre grauenhafte Geschichte selber – und ist damit zum
zweiten Mal zum Opfer geworden: zum Opfer unserer Gesellschaft.