Freitag, 23. August 2013

In der Opferrolle gefangen



Heute vor sieben Jahren entkam Natascha Kampusch ihrem Entführer Wolfgang Priklopil. Zu diesem Anlass möchte ich aufzeigen, was mir schon lange aufgefallen ist: Michael Jackson und Kampusch haben eine ähnliche Leidensgeschichte.


Voyeuristische Neugier, Schock und Mitleid fesselten die Menschen 2006 an den Fall Natascha Kampusch. Im Buch „3096 Tage“ schildert die Wienerin, wie mühsam nach ihrer Befreiung die Rückkehr ins richtige Leben war. Enttäuscht äussert sie sich über Medien und Öffentlichkeit. Selbst das, was sie vor dem Täter noch verbergen konnte, wurde publik gemacht. Es entstanden Unwahrheiten, gegen die Kampusch mit dem Schritt an die Öffentlichkeit ankämpfen wollte.
Das Entführungsopfer tritt gefasst und würdevoll auf. Es spricht überlegt, manchmal blasiert. Das Opfer verhält sich nicht so, wie es die Gesellschaft erwartet. 

„Man liebt das Opfer nur, wenn man sich ihm überlegen fühlen kann“, sagt Kampusch in ihrem Buch. Die Öffentlichkeit habe in ihr einen gebrochenen Menschen sehen wollen, der immer auf die Hilfe anderer angewiesen sein werde. „Doch in dem Moment, in dem ich mich weigerte, dieses Kainsmal für den Rest meines Lebens zu tragen, kippte die Stimmung.“ Das Mitleid der Leute schlug in Unverständnis, Missgunst und Neid um.

Der deutsche Psychotherapeut Georg Pieper stellt in der ARD-Talk-Sendung von Günther Jauch fest, dass die Öffentlichkeit Opfer als Leidende sehen wolle. „Man kann sich gut fühlen, wenn man jemanden bemitleidet“, sagt er. Eine starke Person wie Kampusch erzeuge Unbehagen.
Die Österreicher, die verschiedene  Wahrheiten über die Entführung zu Ohren bekommen haben, mögen das Verständnis für Kampusch verloren haben. Dennoch löste die Ankündigung des Films „3065 Tage“ über Kampuschs Martyrium auch in Schweizer und deutschen Foren heftige Diskussionen aus.  

Kampusch dränge sich in die Öffentlichkeit, hiess es. Einige Leute fanden, dass man mit einer solchen Vergangenheit nicht an die Öffentlichkeit trete. Jemand warf Kampusch vor, berechnend zu sein, ihre Opferrolle perfekt zu spielen und sich die Gefangenschaft zusammengereimt zu haben, um reich zu werden. „Noch nie habe ich ihr nur ein einziges Wort geglaubt“, schrieb ein User. Ein anderer zog einen Vergleich zum Fall Josef Fritzl und bezeichnete dieses Verbrechen als „viel schlimmer“. 

Grausam sind beide Fälle. Entführungsopfer Elisabeth Fritzl geniesst aber mehr Empathie. Nach ihrer Befreiung verkroch sie sich und nahm eine neue Identität an. Sie entspricht dem typischen Opferbild. An ihrer Vergangenheit zweifelt niemand.

Kämpft sich ein Opfer aus der Opferrolle, wirkt es mit seiner Vergangenheit offenbar unglaubwürdig. Ein Leser-Kommentar bringt es auf den Punkt: „Wäre Kampusch das typische Opfer, würden die Leute alles über sie lesen wollen.“

Sicher wahr und grauenhaft ist die vermeintliche Wahrheit für die Menschen nur, wenn andere sie erzählen. Popstar Michael Jackson, der bis zu seinem Tod unter medialer Verunglimpfung litt, sagte einem Reporter einst: „Warum sagt man den Leuten nicht, ich sei ein Außerirdischer vom Mars. Sag ihnen, dass ich lebende Hühner esse und einen Voodoo-Tanz um Mitternacht mache. Sie werden dir alles glauben, weil du ein Reporter bist. Aber wenn ich, Michael Jackson, sagen sollte, ich sei ein Außerirdischer vom Mars, ich esse lebende Hühner und mache einen Voodoo-Tanz um Mitternacht, würden die Leute sagen: ‚Oh man, dieser Michael Jackson ist verrückt. Der ist auf Drogen. Du kannst kein verdammtes Wort glauben, das aus seinem Mund kommt.‘“ 

Jackson fehlte die Kraft und die Lebenszeit, mit seiner Wahrheit gegen die Gerüchte anzukämpfen. Die Menschen verstanden seine Eigenart nicht. Er blieb ein Opfer unserer Gesellschaft. Auch Kampusch ist eigenartig. Sie kämpft gegen ihre Rolle als Entführungsopfer und lässt nicht zu, dass die Menschen den Kopf vom Schrecklichen wegdrehen und sich den schrecklich unterhaltsamen Gerüchten zuwenden. Kampusch erzählt ihre grauenhafte Geschichte selber – und ist damit zum zweiten Mal zum Opfer geworden: zum Opfer unserer Gesellschaft.  

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